Anlässlich der Präsentation des jüngsten Heftes der Kulturberichte aus Nord- und Südtirol, ein Schwerpunktheft zum Thema „Architekturen“, richtete die Kulturredaktion einige Fragen an Landesrätin Frau Dr. Beate Palfrader.
Frau Landesrätin, in Ihr Ressort fallen Bildung, Kultur und Wehrwesen nebst Zivildienst. Sehr komplexe Bereiche, untereinander auch sehr unterschiedlich, oder gar nicht so sehr? Denn es gibt ja wohl intensive und sehr erfolgreiche Bemühungen etwa Kultur und Bildung (Schule, Kindergarten) zu vernetzen - Stichwort: Tiroler Landeskulturservice.
Richtig. Gerade im Bereich Bildung und Kultur ergeben sich viele Schnittstellen, und die kulturelle Bildung an unseren Schulen ist mir persönlich ein wichtiges Anliegen. Die Tiroler Kulturservicestelle, die vom Land maßgeblich mitfinanziert wird, bietet für die Schulen ein sehr umfassendes Programm in allen Bereichen der Kunst und Kultur. Darüber hinaus gibt es viele Kulturveranstalter im Land, die speziell für Kinder und Jugendliche kulturelle Angebote schaffen. Ich denke beispielsweise an den Schreibwettbewerb für Kinder und Jugendliche im Rahmen der Festwochen der Alten Musik oder an das jährliche Schulprojekt im Rahmen der Tiroler Festspiele Erl. Vorbildhaft ist auch die Kooperation des Landesjugendtheaters mit dem PORG Volders, die heuer bereits zum dritten Mal zu einer tollen Musicalproduktion führt. Dies sind nur einige der zahlreichen Projekte, die die Aspekte Bildung und Kultur vereinen. Weiters möchte ich das Tiroler Musikschulwesen hervorheben, das Musikbegeisterten aller Altersstufen musikalische Bildung bzw. Ausbildung auf hohem Niveau bietet. Die Vernetzung von Bildung und Kultur funktioniert aus meiner Wahrnehmung in Tirol insgesamt sehr gut.
Sie sind ja einerseits "zuständig" für Kultur andererseits sind sie selbst Kulturschaffende - Sie schreiben, standen Kulturinitiativen vor und führten Regie. Haben Sie eine besondere Affinität zur Kultur? Warum ist sie so wichtig?
Kultur bzw. kulturelles Schaffen hat in meinem Leben seit jeher einen besonders hohen Stellenwert. Durch die musikalischen Aktivitäten meines Vaters (Mitbegründer des Volksmusikvereins) entwickelte ich bereits als Kind eine besondere Affinität zur Musik. Später hat sich mein Interesse verstärkt auf die Bereiche Theater und Literatur gerichtet und ich empfinde kulturelle Tätigkeit als enorme Bereicherung für mein Leben. Kultur bietet die Möglichkeit, sich auf kreative Art und Weise mit aktuellen Themen der Gegenwart auseinanderzusetzen, Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen, Erlebnisse zu verarbeiten und seine Persönlichkeit zu entfalten. Darüber hinaus geben Kunst und Kultur Raum für Experimente, regen dazu an, herkömmliche Vorstellungen zu hinterfragen, und lassen neue Entwicklungen und Denkweisen zu. Kunst und Kultur sind nicht nur für mich persönlich wichtig, sondern für die Gesellschaft als Gesamtes.
Die Kulturberichte spiegeln die weit verzweigte Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der Tiroler Kultur. Welchen Stellenwert haben die Kulturberichte für Sie?
Die Kulturberichte haben einen sehr hohen Stellenwert für mich, weil sie die Vielfalt der Tiroler Kulturlandschaft repräsentieren. Hinzu kommt, dass das gemeinsame Sonderheft mit Südtirol dem Gedanken der Europaregion Rechnung trägt und damit der „kulturelle Blick“ über die Landesgrenzen hinweg ermöglicht wird. Die Kulturberichte tragen wesentlich dazu bei, das Bewusstsein für die große Bandbreite des kulturellen Schaffens in Tirol und Südtirol zu stärken und auch eine höhere Wertschätzung der Kultur in der Bevölkerung zu bewirken. Zudem soll die Bedeutung der Erhaltung von Traditionen, aber gleichzeitig der Stellenwert der zeitgenössischen Kunst in den Blickpunkt gerückt werden. Altes und Neues, Tradition und Moderne stehen nicht im Widerspruch zueinander und sollen im Hinblick auf Kulturförderungen auch nicht gegeneinander ausgespielt, sondern vielmehr als wichtige Bausteine des Mosaiks der Kulturen angesehen werden.
Die alljährlichen Kulturberichte werden begleitet von einem Sonderheft - jeweils mit einem besonderen Schwerpunkt. Nun wird das Sonderheft 2010 präsentiert, das der Architektur gewidmet ist. Warum dieser Schwerpunkt? Will man damit aufzeigen, dass auf diesem Gebiet landesweit ganz besonders viel und Herausragendes passiert?
Gerade in Tirol mit seinem beschränkten Siedlungsraum, seiner besonderen Topographie und alpinen Landschaft stellen die natürlichen Gegebenheiten hohe Anforderungen an die Architektur, um Ästhetik und Funktionalität in gelungener Weise zu verbinden. Dies betrifft nicht nur eine qualitätsvolle zeitgenössische Architektur, sondern auch den Umgang mit historischer Bausubstanz. Das vorliegende Sonderheft Architektur rückt gelungene Beispiele der Baukultur unseres Landes in den Blickpunkt und soll die Bedeutung der Architektur bewusst machen sowie die Wertschätzung für qualitätsvolles Planen und Bauen stärken. Durch die gemeinsame Herausgabe des Sonderhefts mit Südtirol wird zudem der gemeinsame historische Lebensraum ins Bewusstsein gerückt.
Die Kulturberichte als modellhaftes Beispiel für eine geglückte Kooperation zwischen Nord- und Südtirol. Gibt es deren noch mehrere?
Natürlich. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Südtirol spielt gerade im kulturellen Bereich eine große Rolle. Ich denke beispielsweise an den Paul-Flora-Preis, den gemeinsamen Preis für zeitgenössische Kunst, den Tirol und Südtirol im Herbst 2010 erstmals vergeben haben, an den Gesamttiroler Musikwettbewerb „Prima la musica“, den Gesamttiroler Museumstag, der im Herbst 2010 in Brixen stattgefunden hat und der besseren Vernetzung im musealen Bereich dient, den gemeinsamen Jugendliteratur- und Lesewettbewerb, Kooperationen der Traditionsverbände, die gemeinsamen Landesausstellungen und vieles mehr. Im Bildungsbereich sind die Schulpartnerschaften und der Austausch von Lehrkräften sowie der Ausbau des Italienischunterrichtes an unseren Schulen zu nennen. Es gibt also vielfältige Kooperationen, die den Gedanken der Europaregion Tirol mit Leben erfüllen.
Die Kulturberichte sind erhältlich über das Amt der Tiroler Landesregierung, Abt. Kultur, Sillgasse 8, Innsbruck, kultur@tirol.gv.at, www.tirol.gv.at.