„L´Italia alla finestra. Außen- und Innensichten“ so der Titel der Ausstellung, die vom 17. Juni bis zum 21. August in der Hofburg Innsbruck gezeigt wird. Sieben Künstlerpositionen werden gegenübergestellt, allen liegt das gleiche Thema zugrunde: die vor exakt 150 Jahren vollzogene Einigung Italiens. Die Kulturredaktion sprach mit der Kuratorin der Ausstellung, Frau Mag. Rosanna Dematté:
150 Einigung Italiens – inwieweit hat das Thema Relevanz für Tirol resp. Österreich und für das heutige Europa?
Die Italiener dürfen sich heuer anlässlich des 150. Jubiläums der Einigung über die Bedeutung des damaligen Kampfes um die eigene Identität und Selbstbestimmung Gedanken machen. Ähnliche Fragen stellten sich die Tiroler im Gedenkjahr 2009. Tirol ist als Durchzugsgebiet immer mit dem Thema der Wahrung der eigenen Identität konfrontiert gewesen. Heute scheint es nicht mehr so wichtig zu sein. Tatsächlich dürfen wir heute Tiroler, Italiener, Österreicher, Spanier und gleichzeitig bewusste Europäer sein. Doch wir sollten uns daran erinnern, dass dies nicht immer so war und uns die Frage stellen, wer wir waren und was wir heute sind. Man könnte sich fragen, warum diese Ausstellung gerade in Innsbruck stattfinden soll. In erster Linie ist Italien sowohl für die Innsbrucker als auch an der hiesigen Universität ein wichtiges Thema, nicht nur für Historiker und Kunsthistoriker. Andererseits stellt die Tiroler Hauptstadt für Italiener die erste geografische Möglichkeit dar, sich durch eine andere Kultur selbst zu erkennen.
Italienische Künstler stehen österreichischen, darunter zwei Tiroler Künstlerinnen, gegenüber. Wie wurde ausgewählt?
Die italienischen Beiträge sind sehr unterschiedlich, umspannen die verschiedenen “Sprachen” der zeitgenössischen Kunst in Italien: Videokunst, Skulptur, installatives Verfahren mit starkem Italienbezug, Arbeiten von KünstlerInnen verschiedener Generationen und aus verschiedenen Gebieten der Halbinsel. Wir zeigen die Videoarbeiten der Brüder De Serio, als Gegenpol stellt Lucilla Catania Skulpturen aus Ton, Alabaster und persischem Travertin aus. Cloti Ricciardi sucht die unvermeidbare Einheit von Kultur und Natur und Morto da Goffezza arbeitet mit politischen, künstlerischen, kulturellen kollektiven Bildern und setzt sie installativ in einen neuen Kontext.
Vor einigen Jahren habe ich zum ersten Mal das Bild der Tiroler Künstlerin Michaela Niederkircher gesehen, das auch in der Ausstellung zu sehen ist. Die Fotografie stellt ein Schaufenster in Venedig dar. Man sieht am Fensterglas die Innenseite eines Kaffeehauses und den venezianischen Platz an der Außenseite. Eine Spiegelung, ein unwiederbringlicher Moment, Venedig irgendwann im Jahr 2000, doch nicht nur das, irgendwie auch das “Jetzt” - wie die Künstlerin sagen würde - eines italienischen Erlebnisses und die Möglichkeit verschiedener Blickwinkel auf eine Realität, die aus einer komplexen Vielfalt besteht. Das Bild gab den Anstoß für das Thema der Ausstellung. Heidrun Sandbichler ist ebenfalls Tirolerin und wohnt in Rom. Ein zufälliges Gespräch über ihr Leben in Italien und ihre dort entstandenen Arbeiten beeindruckten mich tief. Sie hat mir ein anderes Gesicht meines Landes gezeigt, vielleicht auch durch die Art, wie sie in ihrer Arbeiten, Gegensätze zusammenführen kann.
Wie lautete die Aufgabenstellung an die Künstler?
Heidrun Sandbichler hat die Arbeit “Die Bibliographie der Anarchie. Lettera 22” für diese Ausstellung konzipiert. Ich bin sehr glücklich darüber, da es uns aus verschiedenen Gründen nicht möglich gewesen wäre, den einzelnen Künstlern eine Aufgabe zu stellen. Es geht in ihrer Arbeit um ein Thema der italienischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, über das kaum geredet wird und das zur Einigung des Landes sehr wohl beigetragen hat: Wird die Einheit eines Landes wirklich von der politischen Staatsbildung gewährleistet oder bedeutet diese eine Einschränkung in der Entwicklung der Identität eines Menschen/ einer Menschengruppe?
Generell geht es geht uns in der Ausstellung um verschiedene Blickwinkel auf das übergeordnete Thema.
Das Projekt wurde zur Teilnahme an der 54. Biennale eingeladen.
Unsere Ausstellung ist Teil des Rahmenprogramms des Padiglione Italia das heißt, sie ist in einem von Melanie Hollaus gedrehten und in Venedig gezeigten Film zu sehen. Auf diese Weise sind die teilnehmenden KünstlerInnen auch im Katalog zusammen mit den Projekten anderer Italienischen Kulturinstitute auf der Welt präsent. Unser Projekt wurde allerdings vollkommen unabhängig von der Biennale organisiert, zufälligerweise korreliert es perfekt mit dem Vorhaben des Kurators des Padiglione Italia Vittorio Sgarbi, der ebenfalls die Feierlichkeiten zum 150. Jubiläum mit der zeitgenössischen Kunst verbindet.
Wie sieht das Rahmenprogramm zur Ausstellung aus?
Zusätzlich zu den Führungen am 20. Juni, 23. Juli und 17. August wird am 20. Juni das Buch Italia e “Italie” präsentiert, ein Saverio Carpentieri, Angelo Pagliardini, Barbara Tasser und Lew Zybatow herausgegebener Sammelband. Darin wird das Thema der Identität beziehungsweise der Identitäten Italiens interdisziplinär betrachtet. Am 28. Juni freue ich mich auf den Vortrag von Angelo D’Orsi (Universität Turin) über “L’Italia delle idee”, das Italien der Ideen. Prof. D’Orsi stellt die Frage: In wie weit sind sie für die nationale Identität und die heutige Politik relevant?
„L´Italia alla finestra. Außen- und Innensichten“, Hofburg Innsbruck, Barockkeller.
Eröffnung 16. Juni, geöffnet bis 21. August 2011
Veranstalter der Ausstellung: Institut für Kunstgeschichte und Italien-Zentrum der Universität Innsbruck, Istituto Italiano di Cultura in Innsbruck und Hofburg Innsbruck.
www.uibk.ac.at/kunstgeschichte/sammlung/ausstellungen