Tirol Panorama, Innsbruck, Theateraufführung
Die Innsbrucker Neue Galerie holt am 28. und 29. Oktober 2011 eine preisgekrönte Wiener Theateraufführung ins Tirol Panorama: Thomas Bernhards „Frost“ mit Darsteller Andreas Patton, in einer Inszenierung von Sabine Mitterecker. www.kultur.tirol.at sprach mit der Regisseurin.
Warum haben Sie für Ihre Dramatisierung „Frost“, den ersten Roman von Thomas Bernhard, ausgewählt?
Die Idee, aus Thomas Bernhards Erstlingsroman eine Spielfassung für das Museum zu erstellen, hängt natürlich mit meiner intensiven Beschäftigung mit dem Autor anlässlich meiner Inszenierungen von „Heldenplatz“ 2004 und „Am Ziel“ 2005 zusammen. Im Herbst 2009 wollte ich das Werk Thomas Bernhards nochmals in seiner Entstehungschronologie lesen und bin gleich bei FROST hängen geblieben. Der Gedanke, das Scheitern des Malers Strauch am Kunstbetrieb und den Entwicklungen und Bedingungen, der die Kunst in der Moderne ausgesetzt ist, im MUMOK Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, sozusagen „am Ort des Hintergrundgeschehens“ zu verhandeln, war naheliegend und erschien mir geradezu zwingend.
Wie gestaltete sich die Erstellung der Spielfassung?
Langwierig. Zuerst hatte ich drei SprecherInnen angedacht, das stieß beim Verlag auf Widerstand. Heute kann ich sagen, ich bin sehr froh darüber. Wie bei einer Strichfassung eines Theatertextes hat sich langsam das Wesentliche freigelegt; der Arbeitsprozess ist vergleichbar mit der Arbeit eines Bildhauers an einer Skulptur; zuerst die groben Linien und Umrisse, und dann war ich in vielen Durchgängen immer mehr in der Lage, zu konzentrieren und in vielen Feinschliffgängen zu einer Fassung zu gelangen. Mit dieser noch eher umfangreichen Fassung sind wir in die Proben gegangen und während der Proben hat sich dann nach und nach die Spielfassung, wie sie im MUMOK 2009 und 2010 zu sehen war und jetzt im Tirol Panorama am 28. und 29. Oktober und im Dezember auch in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen sein wird, herauskristallisiert.
Aus dem Roman ist ein Ein-Mann-Stück geworden. Welche Rolle(n), welche Erzählperspektive nimmt die Theaterfigur ein?
Andreas Patton bestreitet den Abend zwar allein, unterstützt von Wolfgang Musil, der mit seiner sensiblen Tonregie ermöglicht, dass Andreas in jedem Winkel des Museums zu hören ist, aber er ist keine Theaterfigur im herkömmlichen Sinn. Vielmehr schlüpft er sowohl in Sprechperspektiven des Famulanten, der den Maler Strauch beobachtet und der Textvorlage entsprechend „ich bin nicht mehr ich, ich entdeckte mich fortwährend aus dem Mund dieses Menschen sprechend“ unmerklich vom Zitatmodus in die Perspektive des Malers Strauch wechselt.
Sie haben vor „Frost“ am Landestheater Linz zwei Bernhard-Stücke inszeniert. Gibt es bestimmte Grundlinien, Grundaussagen …, die in allen diesen Stücken von Bedeutung sind?
Ein wesentlicher Punkt ist der Humor bei Thomas Bernhard und klarerweise die präzise Beobachtung und Überhöhung der österreichischen Verhältnisse in die unvergleichliche Sprachmeisterschaft.
Im Gegensatz zu den Produktionen in Linz haben Sie „Frost“ als Off-Produktion umgesetzt. Was zeichnet die Arbeit an Off-Bühnen aus, mit welchen Problemen ist man dabei konfrontiert?
Ich habe vor vielen Jahren selbst eine freie Gruppe gegründet, um neben meiner Tätigkeit als Regisseurin an festen Häusern, die ich immer wieder sehr genieße, eben weil es einen funktionierenden Apparat gibt und ich mich nur auf meine künstlerische Arbeit konzentrieren kann, ganz neue Wege in der Theaterarbeit einzuschlagen. Theaterstrukturen sind meist zu schwerfällig dafür. Ich kann mir nicht vorstellen, zumindest nicht in Österreich, dass ein etabliertes Haus die Idee mitgetragen hätte, mit einer Bernhard-Spielfassung in ein Museum zu gehen. Probleme, ja, Finanzierung, Überarbeitung, Selbstausbeutung. Aber auch die absolute Freude, wenn aus einer unmöglich erscheinenden Idee ein großer Erfolg wird.
In Ihrer Rede zur Verleihung des Nestroy-Preises sprechen Sie von „Frost“ als „Expedition in die Urwälder des Alleinseins“ …
Ja, damit benennt der Maler Strauch seine Zustände der Einsamkeit und des Schmerzes, seine Gänge durch die Kälte, durch den Schnee, die Hauptmotive des Romans sind.
In der Rede hatte es auch ein bisschen den Doppelsinn, dass auch wir mit dieser Arbeit einen absoluten Alleingang mit höchstem Risiko unternommen haben. Es gab viele Momente, wo wir dachten, jetzt ist es aus, es geht nicht mehr. Nie in der künstlerischen Arbeit, aber wir hatten mit vielen Widrigkeiten rundherum zu kämpfen.
Hat Andreas Patton schon früher Erfahrungen in Bernhard-Stücken gesammelt? Warum passt er so gut für diese Rolle?
FROST war Andreas Pattons erste Auseinandersetzung als Schauspieler mit Thomas Bernhard und es war auch unsere erste gemeinsame Arbeit. Wir haben einander von Anfang an viel Vertrauen entgegengebracht und seine Neugierde, sein Mut und das Können eines erfahrenen und selbstverantwortlichen Schauspielers haben uns eine intensive und sehr befruchtende Probenzeit beschert. Wir arbeiten sehr gerne zusammen und ich hatte die Phantasie, dass er der Richtige für diese Unternehmung ist, was sich ja voll bewahrheitet hat.
Wie haben Sie den Raum des MUMOK genützt und wie passen Sie die Inszenierung an das Tirol Panorama an? Würde das Stück in dieser Form auch in einem Theater funktionieren?
Wir haben im MUMOK das gesamte Entrée, die Gänge und Brücken bis hinauf in den 8. Stock bespielt. Klar, haben wir für das Tirol Panorama eine passgenaue Umsetzung entworfen, um diese Räume in ihrer Einzigartigkeit zu nutzen; genau das ist ja das Reizvolle, wenn wir nach den Spielserien in Wien an andere Orte gehen. Sehr entgegenkommend hier im Tirol Panorama ist die Tatsache, dass Andreas Patton sich auch, wie in Wien, auf verschiedenen Ebenen des Hauses bewegen kann. Auch hier kann er sich manchmal den direkten Blicken des Publikums entziehen, das ihn auf seinen Gängen begleiten oder auch mal irgendwo im Museum verweilen und einfach nur hören kann.
Auf einer normalen Guckkastenbühne würden wir FROST nicht zeigen wollen. Das ließe sich bestimmt einrichten, aber es interessiert uns nicht. Das Besondere an dem Abend ist ja das Zusammenspiel von Schauspieler, ZuschauerInnen und moderner Museumsarchitektur.
Wie ist es zur Zusammenarbeit mit dem Tirol Panorama gekommen?
Die Kuratorin Tereza Kotyk hat uns eingeladen, im Rahmen der Ausstellung „Personal Tempest“, die hier in Innsbruck in der Neuen Galerie und jetzt in London zu sehen ist, mit FROST in Innsbruck und eventuell auch in London zu gastieren. Beide Ausstellungsräume waren dafür aber nicht geeignet und so entstand die Idee mit dem Tirol Panorama. Von dort wurde sofort grünes Licht signalisiert und so sind wir seit März mit Planung und Vorbereitung beschäftigt und freuen uns sehr, dass es diese zwei Abende in Innsbruck geben wird.
INFO
Thomas Bernhard. Frost
28. und 29.10.2011, 19.30 Uhr
mit Andreas Patton
Bearbeitung und Regie: Sabine Mitterecker
www.theaterpunkt.com
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