Schlachtfeld Arbeitswelt

17.01.2012

Innsbrucker Kellertheater, Kathrin Röggla: Wir schlafen nicht

Wir schlafen nicht (c) Fotowerk Aichner

Das Innsbrucker Kellertheater spielt von 18. Januar bis 26. Februar 2012 eine neue Bühnenversion von Kathrin Rögglas Roman „Wir schlafen nicht“. Buch und Stück entwerfen ein Szenario moderner Arbeitswelten, beruhend auf Interviews mit Managern, Unternehmensberatern und anderen Vertretern des modernen Geschäftslebens. In unglaublicher Dichte und Intensität führen Regisseur Elmar Drexel, vier Schauspieler und zwei Musiker das „Schlachtfeld“ Arbeit vor. www.kultur.tirol.at sprach mit Elmar Drexel über das Buch und seine Dramatisierung.

„Wir schlafen nicht“ aus dem Jahr 2004 wurde bereits früher dramatisiert. Warum haben Sie eine eigene Fassung erstellt und nicht auf die vorhandene zurückgegriffen?
Elmar Drexel: Es ist mir auf etwas anderes angekommen als in der früheren Version: Kathrin Rögglas poetologischer Ansatz kommt immer von außen. Das ist ein schwieriger Ansatz und sie kommt damit immer gleich in die Schublade „kalt und intellektuell“. Ich wollte aber den Beweis antreten, dass man auch mit diesem Ansatz sehr gut in die Figuren, die Charakter und Gefühle hineinkommt.
Was sind die großen Themen des Textes? Was die Charakteristika der Figuren?
Das große Thema ist, dass es scheinbar erstrebenswert ist, in einer Branche wie der Unternehmensberatung o. Ä. zu arbeiten, dass das aber letztlich ein Schlachtfeld ist, ein Kriegsschauplatz, der die Leute kaputt macht. Das Fragezeichen, das im Raum steht, ist: Ist das wirklich so erstrebenswert? Es herrscht ständige Angst, man kann nie authentisch sein, man weiß nie, wie man sich verhalten soll. Man muss seine Person verleugnen und etwas Künstliches sein, um überhaupt bestehen zu können. Das ist ein sehr toller, menschlicher Text, der schaut, wie es den Leuten geht.
Und es ist mir auch darum gegangen, dass man nicht immer alles hinnehmen soll, man muss auch einmal eine Aussage treffen und diese vertreten.
Rögglas Text beruht auf 60 Stunden Interviews, …
Ja, das ist alles O-Ton, den sie verdichtet hat. Und sie hat den Text durch den Konjunktiv, in dem er geschrieben ist, überhöht.
Die Technik, die Interviews weitgehend in den Konjunktiv zu setzen und die Er- statt der Ich-Form zu verwenden, haben Sie auch in der Bühnenfassung übernommen. Was bewirken dieses Stilmittel? Schaffen Konjunktiv und Er-Form mehr Distanz?
Im Gegenteil! Letztlich ist die Er-Form intimer als die Ich-Form. Es gibt auch ein Stück von Ernst Jandl im Konjunktiv, „Aus der Fremde“, das ich einmal inszeniert habe. Dabei habe ich festgestellt, dass das nur in den ersten Minuten eigenartig ist. Danach gewöhnt man sich daran. Es ist ganz normal.
Insgesamt geht es sehr stark um die Sprache, um die Wörter, die die Figuren verwenden. Das ist sehr wichtig.
Inwiefern mussten Sie den Roman bearbeiten?
Eigentlich kaum. Ich konnte natürlich nur Auszüge verwenden und aus sechs Figuren habe ich vier gemacht. Statt der thematischen Gliederung im Buch habe ich eine Dreiteilung vorgenommen – die vier Figuren sitzen morgens, mittags und abends in der Kantine einer Messe –, aber die Chronologie im Buch hab ich kaum verändert. Wichtig war, die Figuren in Beziehung zueinander zu setzen und ihnen Konturen zu verleihen. Da hat überraschend gut funktioniert.
Anfangs hatte ich mehr Material, als wir letztendlich spielen, und habe die jetzige Fassung mit den Schauspielern erarbeitet. Bei so einer Arbeit ist man auf Gedeih und Verderb auf die Schauspieler angewiesen, darauf, dass sie ihre eigenen Ideen einbringen.
Eine wichtige Rolle übernehmen die zwei Musiker Frajo und Jakob Köhle, die das ganze Stück hindurch auf der Bühne sitzen und das Geschehen musikalisch kommentieren. Welche Rolle spielen sie in dem Stück?
Ich habe schon vor zwei Jahren ein Stück mit Akkosax gemacht, dadurch bin ich auf die Idee gekommen. Die Musiker waren bei den Proben dabei und haben währenddessen die Musik entwickelt. Plötzlich war der Probenraum wie ein Studio, in dem etwas erfunden wird. Mir war wichtig, dass sie nicht nur eine Zwischenmusik spielen, sondern in den Ablauf integriert sind. Die Liedtexte basieren auf dem Vokabular des Buches – und der lustvolle Umgang mit Sprache war auch für die Schauspieler wichtig. Es sollte ja keine szenische Lesung werden. Ich habe gesagt, der Text ist teilweise wie Thomas Bernhard oder wie Loriot …
… für die ja beide auch Musik eine wichtige Rolle gespielt hat …
Ja. Aber das Interessante bei Röggla war für mich auch, dass der erste Zugriff auf ihre Texte nicht aus dem Theater gekommen ist, sondern aus der Musik. Musiker haben zuerst bei ihr angefragt, ob sie ihre Texte vertonen können.
Manches – die Übergänge und das Ineinandergreifen von Text und Musik – macht fast den Eindruck einer Revue.
Das ist durchaus beabsichtigt. Mir war wichtig zu zeigen, dass heute alles Performance ist, und ich glaube, dass das Theater dem auch irgendwie Rechnung tragen muss. Was diese Managertypen in ihrem Arbeitsleben machen, ist auch eine Performance: Es geht darum, sich zu präsentieren. The show must go on! Dazu kommt, dass der Keller auch etwas von einem Brettl hat, das sollte auch etwas vom Kabarett, vom Varieté vermitteln.
Für das, was diese vier Menschen ausmacht, habe ich einen Ausdruck gefunden, die „karnevalistische Schauerdramatik“. Das trifft es ziemlich genau.
Rögglas Buch ist von 2004 und beschreibt eine Arbeitswelt, die sich ständig verändert. Ist der Text heute überhaupt noch aktuell?
An Dramatisierung und Inszenierung habe ich ein Jahr lang gearbeitet und hatte den Eindruck, dass mir das Thema von Monat zu Monat davongelaufen ist. Ich habe in der Zeit vieles beobachtet, Zeitungsartikel ausgerissen und immer wieder den Fokus verändert. Das ist mir noch nie so gegangen. Aber der Text ist so am Punkt, dass man es sich nicht erst herholen muss. Es ist im Brennpunkt und alles, worüber man heute redet, hat damit zu tun.

Kathrin Röggla

Wir schlafen nicht

Regie und Dramatisierung: Elmar Drexel

Musik: Frajo Köhle

Darsteller: Johannes Gabl, Claudia Widmann, Walter Ludwig, Andrea Sachs

Premiere: 18.01.2012

weitere Termine bis 26.02.2012

Beginn: 20:00 Uhr

Bilder
Kontakt:
Innsbrucker Kellertheater
Adolf-Pichler-Platz 8
6020 — Innsbruck

+43.512.579964
reservierung@kellertheater.at
http://www.kellertheater.at
Daten und Fakten:
Region
Innsbruck und seine Feriendörfer
Ort
Innsbruck

18.01.2012 — 26.02.2012
Wir schlafen nicht
Im Innsbrucker Kellertheater wird ab 18.1.2012 in „Wir schlafen nicht“ von Kathrin Röggla ein kritischer Blick auf die schöne neue Arbeitswelt geworfen. Erschöpfung, Stress oder gar Burnout? Diese Begriffe sind den vier Protagonisten gänzlich ...

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