London, Barcelona, São Paulo u. a., Auftritte des Tiroler Musikers Manu Delago
Am 28. März 2012 ist der aus Tirol stammende Perkussionist und Komponist Manu Delago Gast der Reihe „Eclectica“ des London Symphony Orchestra in London, wo sein „Concertino Grosso für Hang & Streichorchester“ uraufgeführt wird. Außerdem tourt er mit der isländischen Sängerin Björk durch die ganze Welt – nur zwei von vielen außergewöhnlichen Ereignissen im aktuellen Schaffen des Musikers, den wir zu einem Interview getroffen haben.
Mit dem Hang haben Sie sich ein noch junges, ungewöhnliches Instrument ausgesucht. Welche Vorzüge hat es und wie haben Sie es erlernt?
Manu Delago: Im Hang vereinen sich viele Instrumente, die ich schon früher gespielt habe: Marimba, Schlagzeug, Klavier und Tablas. Es hat einen faszinierenden Klang, ist Rhythmus- und Melodieinstrument. Ich verwende mehrere Instrumente gleichzeitig, dadurch ergänzen sie sich zu einer chromatischen Tonfolge. Erlernt habe ich es autodidaktisch, und mit der Zeit hat es eine immer wichtigere Rolle eingenommen.
Eines Ihrer Projekte, „Living Room“ mit dem Bassklarinettisten Christoph Pepe Auer, das seit mehreren Jahren besteht, existiert als „Living Room in London“ auch in erweiterter Form mit drei Streichern. Welche Möglichkeiten eröffnet Ihnen diese Zusammenarbeit?
Mit den Streichern wurde das Projekt eine Spur experimenteller, das ganze Klangspektrum wurde erweitert. „Living Room in London“ klingt teilweise wie ein Kammerorchester, obwohl wir nur fünf Musiker sind: Es gibt einen Holzbläser, hohe und tiefe Streicher und das Hang, das nicht nur Perkussionsinstrument ist, sondern auch einen harfenähnlichen Klang hat. Für diese Besetzung zu komponieren, ist sehr spannend – auch weil die Musiker alle sehr offen sind für verschiedene Stilrichtungen.
Sie selbst sind zurzeit in ganz unterschiedlichen musikalischen Zusammenhängen zu hören, unter anderem auf einer Tournee mit der isländischen Musikerin Björk, die Sie aufgrund eines YouTube-Videos engagiert hat. Verändert sich mit dem musikalischen „Umfeld“ auch die Art zu spielen?
Eigentlich schon. Bei meinen eigenen Projekten kann ich mehr oder weniger selbst steuern, wie ich komponiere, arrangiere oder spiele. Aber ich genieße es auch sehr, vielseitig eingesetzt zu werden und verschiedene Instrumente zu spielen. In den Konzerten mit Björk spiele ich Hang, aber nur in zwei oder drei Stücken. In den anderen spiele ich Schlagzeug, elektronisches Schlagzeug, Marimba und andere Percussion. Björk versteht es sehr gut, außergewöhnliche Effekte – wie das Hang, das ein eher seltenes Instrument ist – einzusetzen, sie aber gleichzeitig nicht zu überreizen.
Auch die Bandbreite der Auftritte ist groß, es gibt Konzerte mit 30.000 Leuten und solche im kleinen Rahmen. Wir haben einige Residencies gespielt, bei denen wir jeweils einen Monat in einer Stadt waren und alle drei Tage einen Auftritt hatten, und im Sommer gastieren wir auf mehreren Festivals.
Im März ist Ihnen und Ihrer Musik ein Konzertabend des London Symphony Orchestra im LSO St. Luke’s gewidmet. Welche Möglichkeiten bietet die Reihe „Eclectica“ für Sie als Solist und Komponist?
In der Reihe werden fünf, sechs Mal pro Jahr junge Musiker vorgestellt, die den Abend mehr oder weniger selbst gestalten können. Im ersten Teil des Abends wird Kammermusik von mir zu hören sein: ein Selbstporträt, das ich zeichne und in dem die Musik durch die Geräusche von Bleistift, Radiergummi und Spitzer entsteht, ein Stück für Hang solo – „Mono Desire“ –, ein Marimbastück für drei Spieler auf zwei Marimben, übrigens die erste meiner Kompositionen, die weltweit ohne meine Mitwirkung aufgeführt wird, ein Streichquartett sowie ein Stück von meinem Vater [der Musiker und Komponist Hermann Delago, Anm.], das für die Percussiongruppe The Next Step entstanden ist. Dann habe ich ein Stück für zwei akustische Zahnbürsten komponiert und zum Abschluss des ersten Teils spielen alle acht Musiker – vier Streicher und vier Perkussionisten – zusammen.
Im zweiten Teil trete ich dann als Hangsolist mit den Streichern des LSO auf.
Wie gestalten sich die Proben mit den Streichern?
Ich finde es immer sehr spannend, mit Musikern zusammenspielen, die von verschiedenen Hintergründen kommen. Man kann sehr viel dabei lernen. Es liegt auf der Hand, dass Streicher mehr über Intonation wissen und Schlagzeuger vielleicht mehr über Rhythmus. Solange aber mit dem Endergebnis alle einverstanden sind, ist das okay.
Ist es als Komponist, der von einem Hintergrund als Schlagzeuger kommt, schwierig, seine Ideen mit klassischen Musikern umzusetzen?
Anfangs war es das schon, damals war ich mit dem rhythmischen Endergebnis oft nicht zufrieden, weil ich das sehr aus der Perspektive des Schlagzeugers betrachtet habe. Aber ich hatte das Glück, mit sehr guten Musikern zusammenzuarbeiten, mit denen ich viel diskutiert habe – über Sound, Intonation und so weiter. Ich habe begonnen, mir Musik aus anderen Epochen anzuhören, habe Partituren studiert und versucht zu verstehen, wie zum Beispiel ein Komponist wie Strawinsky, der sehr rhythmisch geschrieben hat, das macht. Ich habe mir mehr vorgestellt, einen Bogen in der Hand zu haben als Schlagzeugstöcke.
Je mehr ich selbst gemacht habe, desto besser habe ich es verstanden, für Streicher zu komponieren. Und in den letzten Jahren, bei meinen letzten Kompositionen für Streicher, war ich mit dem Endergebnis dann immer sehr zufrieden.
Zur Person
Manu Delago, geboren 1984 in Innsbruck, ist Musiker und Komponist. Sein bevorzugtes Instrument ist das Hang. Er studierte am Konservatorium in Innsbruck sowie Jazz-Schlagzeug an der Guildhall School of Music & Drama in London und komponiert für eigene Projekte und klassische Ensembles. Aktuelle CD: Living Room in London
Termine (Auswahl)
mit Björk:
Imperial Festival, San Jose, Costa Rica, 24. März 2012
Lollapalooza, Santiago, Chile, 31. März 2012
Sonar, São Paulo, Brasilien, 11. Mai 2012
Primavera Sound Festival, Barcelona, Spanien, 2. Juni 2012
mit den Streichern des London Symphony Orchestra & special guests:
LSO St. Lukes’s, London, 28. März 2012
Musik
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