Weibliche Geisterwesen prägen die Welt der Tiroler Volkserzählungen. Literarische Relikte vergangener Zeiten oder doch noch „lebendige“ Volkskultur?
Die reichhaltige Tiroler Sagenüberlieferung kennt zahlreiche dämonische Gestalten, die zumindest in früheren Zeiten das Erzählen wesentlich bestimmt haben. Unheimliche Begebenheiten, merkwürdige Ereignisse erfuhr man nicht aus dem Internet, von TV oder Radio, sondern über den Heimatkundeunterricht, vor allem aber über das gemeinsame Zusammensitzen am Abend oder an den Wochenenden. Und weibliche Dämonen haben da eine nicht unwesentliche Rolle gespielt...
Prinzipiell kann man zwischen positiven und negativen weiblichen Gestalten unterscheiden: Während die einen hilfreich zur Seite stehen, Rettung in so manch‘ gefährlicher Situation bieten, geben die bösen Dämonen Anlass zur Furcht, sind unheilvolle Boten. Daneben gibt es aber auch weibliche Geisterwesen, die sowohl mahnen, strafen als auch helfen.
Viele Volkserzählungen handeln (und dies nicht nur im Ötztal) von den Saligen, den Weisen Frauen. Sie helfen umherirrenden Wanderern, sie unterstützen arme Bergbauern, warnen vor Naturkatastrophen. Auf der anderen Seite sind sie aber auch mahnende Wesen, die Wilderer vor ihrem Tun abhalten wollen oder moralischen Frevel zu bestrafen wissen. Die Erzählungen berichten zumeist von schönen Frauengestalten die plötzlich auftauchen und dann – nach Kundgabe ihrer Botschaft – wieder verschwinden.
In den langen Winternächten, vornehmlich im Dezember und Jänner zieht die Frau Percht mit ihrem Gefolge durch’s Land. Sie achtet darauf, dass man die Nachtruhe einhält, dass auch die Frauen nicht mehr nächtens an den Spinnrädern sitzen oder so mancher Bursche nächtens seine Angebetete aufsucht.
Eine ganz besondere weibliche Dämonengestalt ist die „Langtüttin“. Nomen est omen, d.h. ihr Name kommt von den überaus langen Brüsten, die sie als unheimliche Drohung über den Rücken schwingen kann. In den Volksüberlieferungen bedroht sie mit ihrem plötzlichen Auftreten vor allem die Männer, die nächtens durch die Wälder streifen...
All‘ diese dämonischen Frauengestalten prägen die Tiroler Volkserzählungen. Dort sind sie noch lebendig. Ihr „Dasein“ und ihre „Geschichten“ verdanken sie vergangenen moralischen Wertvorstellungen – sie waren Druckmittel, geistige Repressalien, zumeist von den kirchlichen Kanzel gepredigt. Aber sie leben gewissermaßen weiter: nicht nur in Erzählungen, sondern auch in literarischen Bearbeitungen, in Filmen, im Theater, in der bildenden Kunst u.a. Damit sind sie nicht nur Relikte vergangener Zeiten sondern auch – mit schelmischen Grinsen – eine gewisse tradierte Volkskultur der Gegenwart.