Stumm im Zillertal, Festival »Stummer Schrei«
Der „Stummer Schrei“ (10.07.–29.08.2012) ist eines der vielfältigsten Festivals in Tirol: Theateraufführungen, Musik, Krimilesungen, ein Jugendtheaterprojekt und ein Stummfilm mit Livemusik sind die wichtigsten Programmpunkte des Kulturereignisses, das 2012 zum fünften Mal in Stumm im Zillertal und an anderen Orten stattfindet. www.kultur.tirol.at sprach mit Festivalleiter Roland Silbernagl über die Geschichte und die Gegenwart des „Stummer Schreis“.
Der „Stummer Schrei“ findet in einer Region statt, die kulturell vor allem für volkstümliches Musik steht. Empfanden Sie es als notwendig, diesem Bild des Zillertals etwas anderes entgegenzusetzen?
Roland Silbernagl: Ja, gerade so eine Region braucht ein Festival abseits des Mainstream, und jetzt, bei der fünften Auflage, kann ich sagen, dass das Konzept voll aufgegangen ist. Unser Publikum hat alles wie ein Schwamm in sich aufgesogen – seien es experimentelle Inszenierungen, bei denen ich mir zuerst gedacht habe, das kann ich ihnen nicht vorsetzen, oder sei es moderne, zeitgenössische Musik.
Eine Freilichttradition hat es in Stumm immer schon gegeben, deshalb war es selbstverständlich, das als Basis aufzugreifen und dieses authentische „Welttheater auf dem Dorfplatz“ nicht zu verlieren. Ich komme selbst aus Stumm und lebe in Deutschland. Und erst, als ich weg war, habe ich gemerkt, dass ich viel heimatverbundener bin, als ich mir gedacht habe. Gemeinsam mit Martin Flörl, den ich noch aus der Schule in Stumm kenne und der in Mainz Musik studiert hat, als ich dort am Theater engagiert war, hatte ich dann die Idee, zu Hause etwas zu machen und dieses Festival zu gründen.
Das Freilichttheater ist sozusagen das Herzstück des Festivals. Wie funktioniert dieses Zusammenspiel von Laien und Profis?
Roland Silbernagl: Wir hatten am Anfang das Konzept, dass man das Freilichttheater mit Laien beibehält, aber mit einem professionellen Team – Bühnenbild, Kostümbild, Maske und Regie – arbeitet. Inzwischen sprechen wir aber gar nicht mehr von einem Laienensemble, sondern vom Ensemble des „Stummer Schreis“. Viele der Schauspieler haben uns den ganzen Weg begleitet, und der Unterschied zu Profischauspielern ist inzwischen fast nur mehr, dass die Leute nichts bezahlt bekommen.
Was wir mitzubringen versucht haben, war eine neue Sehweise – zum Beispiel eine einfache Bühne zu haben, ohne Blumen oder ein altes Kastl. Beim ersten Stück „Der Diener zweier Herren“ gab es am Anfang eine Pantomime, in der Elemente aus dem Stück dargestellt wurden, damit man die Leute kurz kennen lernt. Eine ältere Dame hat mich später darauf angesprochen und gesagt, sie hat sich gedacht, das wird nichts, so wie das angefangen hat mit der Bühne und ohne Text, aber das war dann so nett, sie hat das gar nicht gebraucht, dass da ein altes Kastl steht. Diese Sehweise haben wir kultiviert – und den Kundenstock von 0 auf 8.000 geschraubt.
Es gibt sehr viele Laienbühnen und Sommertheater in Tirol, die ganz unterschiedliche Ansätze pflegen. Was grenzt den Stummer Schrei von den anderen ab?
Roland Silbernagl: Ich glaube, es ist die Mischung des Authentischem mit dem Anspruch, den Menschen etwas zu zeigen, was sie noch nicht kennen. Der Begriff vom „Welttheater auf dem Dorfplatz“ beschreibt es am besten: Wir bleiben auf dem Dorfplatz, wir wissen, was wir können und wir überschätzen, aber unterschätzen uns auch nicht. Das Freilichttheater ist wie unser Herz, das pulsiert, die Pulsschläge und Impulse nach außen gibt und das Rahmenprogramm festhält. Am Anfang haben wir bei den kleinen Veranstaltungen mit nicht mehr als zehn, 15 Leuten gerechnet. Aber auch die sind mittlerweile mit 80 bis 100 Besuchern ausverkauft.
Ganz wichtig ist mit immer auch, eine österreichische Erstaufführung dabeizuhaben. Das sind oft schwierige Verhandlungen mit den Verlagen, aber ich kenne ja immer alle, die ich einlade, Autoren wie Schauspieler, und die wollen diese Stücke dann auch in Stumm spielen – so können wir die österreichische Erstaufführung machen, auch wenn ein Autor anderswo viel mehr Geld dafür bekäme.
Was reizt die internationalen Schauspieler und Autoren an einem Festival wie dem „Stummer Schrei“?
Roland Silbernagl: Sie sind immer von diesem Gesamtpaket begeistert. Es ist nicht nur wichtig, wie wir Theater spielen oder wie es nach außen hin aussieht, sondern das fängt damit an, wer an der Kassa sitzen, wer einen im Gastronomiezelt bedient oder wie man empfangen wird, wenn man bei der Hotline anruft. Nachdem wir uns von Ö-Ticket getrennt haben, haben wir jetzt ein eigenes Festivalbüro und haben auf der Website einen Shop eingerichtet. Das zählt auch zum Authentischen des Festivals.
Das zentrale Werk 2012 ist „Cyrano – eine heroisch komödiantische Romanze“ nach Edmond Rostand und bearbeitet von Ihnen und Christina Kühnreich. Warum haben Sie dieses Stück ausgewählt?
Roland Silbernagl: Ich habe immer 15 bis zwanzig Stücke im Kopf – eigentlich immer Klassiker –, die ich mir für den „Stummer Schrei“ vorstellen kann. Zuerst dachte ich an „Tartuffe“ oder Shakespeare, dann habe ich mich ganz lange mit Schillers „Räubern“ beschäftigt, aber das haben die Volksschauspiele Telfs schon gemacht. Und dann hat mich jemand auf „Cyrano de Bergerac“ aufmerksam gemacht. Zuerst habe ich mir gedacht, im zweiten Teil schlafen einem die Zehen ein, aber dann habe ich es komplett zerwürfelt, verdichtet und nur die Grundstruktur gelassen. Im Stück besitzt Graf Guiche ein Theater und er hat auch diese Puppen – daran habe ich angeknüpft und die Figuren wie Puppen gestaltet, die lebendig werden. Deshalb ist die Bühne jetzt wie ein Puppenhaus oder ein Setzkasten mit Puppen darin. Christina Kühnreich, die schon bei früheren Produktionen für uns geschrieben hat, hat mir geholfen, diese Idee umzusetzen, und ich finde, das funktioniert nun sehr gut.
Eine Besonderheit des „Stummer Schreis“ ist das Zusammenspiel des von Ihnen geleiteten Theaterbereichs mit dem Musikprogramm, das von Martin Flörl kuratiert wird. Das ist wie zwei Festivals in einem …
Roland Silbernagl: Ja, das Musikprogramm allein taugte schon für ein komplettes Festival. Die Grundidee für den „Stummer Schrei“ stammt ja von uns beiden und wir machen auch die Programmierung zusammen. Wir schicken uns gegenseitig unsere Ideen und halten das System immer relativ offen, so können wir sehr flexibel bleiben.
Sowohl im Theater- als auch im Musikbereich haben Sie einige Eigenproduktionen im Programm …
Roland Silbernagl: Wir haben viele Künstler im Team, deshalb können wir Eigenproduktionen, die normalerweise eines hohen Etats bedürfen, für minimale Gagen machen. Unter anderen haben wir einen Abend geplant – „Hausmannskost und Heimatlieder“ –, wo wir uns zusammensetzen, der eine mit seiner Trompete, der andere liest etwas und ich singe ein paar Lieder. Etwas Ähnliches hatten wir 2004, das war sehr erfolgreich.
Martin Flörl macht mit seiner Gruppe Whyrauch, die ja unsere Hausband ist, Livemusik zu einem tschechischen Stummfilm, der zwei Mal im Zillertal und einmal in Innsbruck gezeigt wird. Das Theaterstück „Böses Mädchen“ ist eine Koproduktion mit dem Theater Bonn und das Buch „Der Riese vom Hamberg“ wurde von Christina Kühnreich geschrieben und von Alfred Kröll, der im „Cyrano“ den Guiche spielt, und vom Exskirennläufer Stephan Eberharter, der auch ein Stummer und ein guter Freund von mir ist, illustriert.
Schließlich sind wir noch eine Kooperation mit den Krimitagen eingegangen, da gibt es vier Lesungen aus einem Buch mit Morden aus dem Zillertal.
Ein wichtiger Programmpunkt beim diesjährigen „Stummer Schrei“ ist das Jugendprojekt. Das ist recht groß angelegt …
Roland Silbernagl: Das ist der Wahnsinn! 2010 hat Charly Platzer, ein Lehrer in Stumm, der beim Festival immer sehr viel mitarbeitet, zu mir gesagt: „Wir müssen aufpassen, dass wir die hintere Generation nicht verlieren, dass wir mit Jugendlichen einmal etwas machen.“ Er hat da eher an etwas Kleines gedacht, aber als wir uns damit zu beschäftigen begonnen habe, war es auf einmal ein riesiges Europa-Projekt. Wir haben Monate gebrauch, den Antrag für die EU-Fördergelder auszufüllen, haben ein künstlerisches Team dazugenommen und jetzt ist es mit einer Fördersumme von 35.000 Euro das größte „Jugend in Aktion“-Projekt in Österreich. Es hatten sich 156 Theatergruppen aus der ganzen Welt angemeldet, aber wir konnten natürlich nur solche aus Europa und dem angrenzenden Ausland auswählen. Jetzt kommen fünfzig Menschen aus Armenien, Israel, Italien usw. zu uns und werden mit uns im Rahmen des Festivals zwei Wochen verbringen, machen mit uns Theater, Workshops und Kurse. Am Ende soll, muss aber nicht, etwas herauskommen, das wir den Leuten zeigen.
Dazu gibt es auch Projekte wie ein großes Essen auf der Dorfstraße unter dem Motto „Das Dorf kocht für die Welt“, da sollen die Stummer Essen mitbringen. Das Ganze wird so groß, wir können das noch gar nicht überblicken.
Nicht nur in Bezug auf dieses Projekt, auch sonst ist der „Stummer Schrei“ durch Subventionen und Sponsorengelder ganz gut abgesichert. Sie können die Eintrittspreise mit 19 Euro für Theater- und 11 Euro für die Musikveranstaltungen dadurch sehr moderat gestalten …
Roland Silbernagl: Ja, das ist eine Philosophie, die wir verfolgen. Wir haben unserem Publikum gegenüber eine Verantwortung. Die Leute müssen es sich leisten können, auch einmal mit der ganzen Familie ins Theater zu gehen. Wenn ich ein Stück oder eine Musikgruppe, die ich gerne dabeihaben möchte, nicht finanzieren kann, dann muss ich mich anstrengen, dieses Loch im Budget zu stopfen. „Da brauchen wir noch einen Sponsor“ – das ist in unseren Sitzungen eigentlich unser häufigster Spruch (lacht).
Welches Publikum nimmt das Programmangebot dann am meisten an?
Roland Silbernagl: Es sind viele Stummer und Leute aus den Nachbardörfern. Interessanterweise kommen aber die ersten Kartenbestellungen aus Nürnberg, von Hessen, von Bayern. Das weiß ich aber erst, seit wir ein eigenes Kartenbüro haben. Und jetzt kann ich es endlich auch dem Tourismusverband und der Gemeinde weitererzählen – dann sehen sie, dass das Fördersystem, das wir hier neu entwickelt haben, auch über das Zillertal hinaus wirkt.
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