Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Tiroler Landestheater, Barockoper »La Stellidaura vendicante«
Francois de Carpentries hat für die Innsbrucker Festwochen die frühe neapolitanische Oper „La Stellidaura vendicante“ von Francesco Provenzale in Szene gesetzt, die am 08. August 2012 Premiere feiert. Mit www.kultur.tirol.at sprach er über seine Arbeit und die oft verschlüsselten Inhalte der barocken Oper.
Wenn man Ihre Biografie liest, hat man den Eindruck, die vielen verschiedenen Bereiche, in denen Sie tätig waren, mussten schließlich unweigerlich zur Beschäftigung mit der Sparte Oper führen.
Francois de Carpentries: Das stimmt. Ich habe zuerst eine musikalische Ausbildung und ein Theaterstudium absolviert und dann in verschiedenen Bereichen des Theaters gearbeitet, mit der Oper habe ich das alles zusammengebracht. Ich bin fasziniert von der Oper, denn sie ist eine allumfassende Form, in der Musik, Theater, Malerei und Licht die gleiche Wertigkeit haben. Seit vielen Jahren habe ich kein Theaterstück mehr inszeniert, nur Oper und andere Formen von Musiktheater. Die ganze Geschichte der Oper ist faszinierend. Deswegen bin ich auf „La Stellidaura vendicante“ sehr gespannt, weil das eine der ersten Opern im neapolitanischen Stil ist. Sie entstand nur wenige Jahre nach den Werken der Begründer des Genres, Cavalli und Monteverdi.
Was zeichnet die Epoche der frühen Opern aus?
Francois de Carpentries: Die Oper ist eine Mischung aus Gedicht, Text und Musik – ein Rätsel, für dessen Lösung jede Epoche eine eigene Weise gefunden hat. In der Epoche von Provenzale ist gibt es noch eine gewisse Unbestimmtheit: es gibt Arien, die noch mehr gesprochen als gesungen sind, wirklich gesungene Arien und Rezitative, für die eine Sprache mit Musikintonation erfunden wurde. Im 18 Jahrhundert war dann schon sehr genau festgelegt, was eine Arie und was ein Rezitativ ist, was eine Opera buffa und eine Opera seria. Anfang des 19. Jahrhunderts eroberten die gesungenen Teile alles, und Wagner und Puccini versuchten schließlich, mit dem Gesang gleichzeitig ein echtes Gefühl der Sprache wiederzufinden. Im 20. Jahrhundert – in Alban Bergs „Wozzeck“ zum Beispiel – gibt es wieder Sprechgesang wie zu den Anfangen der Oper.
Diese ganze Reihe von Versuchen interessiert mich sehr und ich empfinde es so, dass das Genre der Barockoper uns viel näher ist als der Stil des 19. Jahrhunderts. Es gibt eine Freiheit, nicht alles ist ausnotiert. Jeder Sänger in dieser Zeit kannte verschiedene Verzierungen, hatte seine eigene Weise, die Partie zu interpretieren und hatte auch die Freiheit dazu. Das ist ganz ähnlich wie im Jazz. Barockmusikanten und Jazzmusiker haben die gleiche Weise, Musik zu denken.
Was bedeutet das für die Entwicklung der Figuren?
Francois de Carpentries: Die Charaktere, die Protagonisten haben viel mehr Zeit als beispielsweise im 19. Jahrhundert, um ihre Gefühle auszudrücken. Es gibt diesen Genuss der Musik, des Gesanges und auch der Psychologie. Das finde ich sehr modern. Tatsächlich hat man in der Barockoper die Möglichkeit, sehr moderne Charaktere zu finden. Die Gefühle, die Verhältnisse zwischen den Menschen unterscheiden sich kaum von denen heutiger Menschen. Deswegen hat man die Möglichkeit, mit dieser Form von Oper heute sehr moderne Charaktere zu zeigen.
Das Thema der diesjährigen Festwochen lautet „Schöne Fremde“. Inwieweit entspricht es „La Stellidaura vendicante“?
Francois de Carpentries: Es gibt in dieser Oper zwei „Fremde“. Die eine ist Stellidaura selbst, sie kommt aus dem Ausland und agiert auf außergewöhnliche Weise. Diese Figur hatte ein reales Vorbild: eine Sängerin und Intendantin des Theaters, die auch die Mätresse des Vizekönigs war. Sie war eine sehr unabhängige Frau, intelligent, begabt und modern, und auch mit einer gewissen Macht ausgestattet. Das war sehr selten damals, weshalb man ihr wie einer Fremden begegnete.
Der zweite „Fremde“ in der Oper ist das genaue Gegenteil, der Diener Gianpietro, der ein dummer Charakter ist. Er spricht einen Kalabreser Dialekt, eine Sprache, die niemand versteht, aber er ist gleichzeitig der Weise, der die Wahrheit sagt. Diese Gleichzeitigkeit von Weisheit und Unverständlichkeit ist eine philosophische Metapher. Für beide Figuren gilt, dass sie den anderen immer fremd bleiben. Das ist die Moral dieser Oper: Wir sind immer der Fremde von jemandem.
Diese Charaktere haben ein eigenes Profil …
Francois de Carpentries: Ja. Es gibt in dieser Zeit immer eine Mischung von Buffo- und ernsthaften Figuren. Wie in der Commedia dell’arte, für die der Librettist der Oper, Andrea Perrucci, eine wichtige Rolle gespielt hat, gibt es vielschichtige Charaktere: Es gibt eine Schicht, die nach außen gezeigt wird, und es gibt diese intimeren Gefühle. Provenzale folgt dieser Mischung, indem er zum Beispiel traurige Gefühle mit lustiger Musik ausdrückt. Dadurch gibt es auch immer eine gewisse Ironie. „La Stellidaura vendicante“ könnte eine große Tragödie sein, aber es gibt immer wieder diese Ironie, und so wird die Tragödie die ganze Zeit vermieden.
In der Barockoper gibt es viele Freiheiten. Bedingt das auch, dass Sie mit dem musikalischen Leiter, in dem Fall Alessandro de Marchi, enger zusammenarbeiten müssen als bei Opern anderer Epochen?
Francois de Carpentries: Ja, das ist richtig. Wir haben ja schon früher mehrmals zusammengearbeitet und uns auch danach von Zeit zu Zeit getroffen. Das ist wichtig bei solcher Musik. Es gibt eine solche Verbindung zwischen Text, Musik, Ausdruck, Gesang, dass ich, aber auch der Dramaturg und die Kostümbildnerin mit Alessandro eng zusammenarbeiten müssen. Es ist ein Dialog, der über die ganze Zeit der Produktion andauert.
Wir haben sieben, acht Monate an der Partitur gearbeitet, auch mit den Sängern Kontakt gehalten. Dann gab es wir drei Tage nur musikalische Probe, zu der wir gereist sind. Auch wenn man vorher an der Partitur arbeitet: Ein direktes Gefühlbekommt man erst, wenn man die Musik hört, erst dann konnten wir mit der szenischen Arbeit beginnen.
Welche Zeit und welchen Ort haben Sie für ihre Inszenierung gewählt? Barock und Neapel?
Francois de Carpentries: Wir unternehmen eine Reise in der Zeit des 17. Jahrhundert, aber wir nehmen in dieser Zeit einen modernen Standpunkt ein. Kostüme und Bühnenbild sind von der Zeit inspiriert, aber wie bei Modeschöpfern gibt es eine moderne Konzeption. Beide – Kostüme und Bühnenbild – unterstützen auf poetische Weise die Charaktere: Orismondo beispielsweise, der Herrscher, ist wie die Sonne auf einem großen Thron. Stellidaura ist der Stern der Nacht. Armillo ist wie Orpheus, ein Vasall, der die Rache vermeidet und seinen Herrscher entschuldigt.
Leiten Sie diese Bilder direkt aus der Oper ab?
Francois de Carpentries: Es steht im Libretto nicht so offen geschrieben, aber das hat damit zu tun, dass die Opern damals für einen kleinen Kreis von Menschen komponiert waren, die diese Bezüge verstanden. Weil dieser Kreis die Herrscher waren, konnten die Musiker nicht so direkt sein, deshalb ist vieles metaphorisch, man benützte Bilder. Heute haben wir diese Referenzen verloren, aber mit unserer Inszenierung wollen wir sie ausdrücken und dem Publikum zugänglich machen.
Vielen Dank für das Gespräch.
07. - 25.08.2013
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