Johanna – berührend, komplex

Innsbrucker Kellertheater, 23.01.–01.03.2013: Felicitas Hoppe, Johanna

Szenenbild aus „Johanna” nach Felicitas Hoppe. Foto: Bernhard Aichner

Für das Innsbrucker Kellertheater hat Elmar Drexel den Roman „Johanna“ von Felicitas Hoppe dramatisiert und inszeniert. Am 24. Januar 2013 feierte das Stück Premiere, gespielt wird es noch bis März.

Nach der Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis zählt die deutsche Romanschriftstellerin Felicitas Hoppe zu den internationale gefragtesten Autorinnen. Ihre Texte sind hoch poetische, dichte, in mancher Hinsicht auch sperrige Werke, deren reiche Gefühlswelt sich jedoch, je mehr man sich auf sie einlässt, umso mehr erschließt. Ihren Roman „Johanna“, der lose an die Geschichte der Jeanne d’Arc anknüpft, hat der Tiroler Regisseur und Schauspieler Elmar Drexel nun für die Bühne zugänglich gemacht: als komplexen und tief berührenden Text. Über die weltweit erste Dramatisierung eines Hoppe-Textes sprach er mit www.kultur.tirol.at.

Dass das Innsbrucker Kellertheater das erste weltweit ist, in dem ein Text von Felicitas Hoppe aufgeführt wird, ist eine kleine Sensation. Wie kam es dazu?
Ich habe bei Felicitas Hoppe vor sechs Jahren ein Schreibseminar besucht und daraus hat sich auch ein weiterer Kontakt ergeben. Ich habe dann einmal bei ihr angefragt, ob sie sich vorstellen könnte, dass ich „Johanna“ dramatisiere, und sie hat das dann unterstützt und sich auch beim Verlag dafür verwendet, dass das Kellertheater die Rechte für eine Aufführung bekommt. Dieser Prozess von der ersten Anfrage über die Erarbeitung bis zur Aufführung hat ungefähr vier Jahre gedauert.
Der Jeanne-d’Arc-Stoff wurde vielfach literarisch und filmisch aufgearbeitet. Was macht Felicitas Hoppe anders als andere Autoren?
Das geschieht auf mehreren Ebenen: Sie hat nicht nur einen relativ neuen poetologischen Ansatz, sondern auch einen neuen Ansatz in Bezug auf Geschichtsschreibung: Geschichte ist brüchig, ist nicht linear rekonstruierbar und hat immer mit der Gegenwart und mit einem selbst zu tun. Sie treibt das auf die Spitze, indem sie sagt: Es ist nicht möglich, einen historischen Roman zu schreiben, man schreibt immer über die Gegenwart und immer über sich selbst. Im Roman „Johanna“ zeichnet sie nicht ein neues Johanna-Bild, sondern entfremdet uns eigentlich das bestehende.
Ihre Sprache ist eine poetische, die auch den Eindruck erweckt, dass sie sich gut zum Sprechen eignet.
Ja, die Sprache hat einen eigenen Rhythmus. Sie lehnt sich an ein mittelalterliches Epos an. In diesem Bereich kennt sich Felicitas Hoppe gut aus, das Erzählen, der Minnesang, dieses Rhythmische beherrscht sie gut. Sie verwendet  auch ein Vokabular, das aus dem Mittelalter kommt, bestimmte Schlagworte wie Verrat, Krone, Herz, Schwert, … Zum anderen ist sie eine fanatische Märchenerzählerin und verwendet auch diese Märchensymbolik.
Nicht nur deshalb sind Felicitas Hoppes Texte sehr vielschichtig. Was bedeutet das für die Dramatisierung?
Drama heißt Konflikt. Man muss sich ansehen, wo die Linien des Konflikts sind, und dann entscheiden, was man erzählen will. Das ist bei „Johanna“ deshalb schwer, weil das Buch eine ganze komplexe Welt ist. Ein Prozess war auch: Mit wie vielen Schauspielern will ich das machen? Lange Zeit habe ich gedacht, ich setze es als Monolog um, aber dann wäre es zu akademisch geworden. Dann bin ich auf zwei Personen gekommen: Mann/Frau, Er/Sie.
An dem Abend geht es darum: Wie bringt eine Frau ihre Visionen, ihre innere Stimme durch, auch wenn sie noch so verquer zur patriarchalen Gesellschaft stehen – und damit sind wir auch bei Jeanne d’Arc. Johanna verkörpert diese Frau, die Visionen hat und bewusst in eine Männerwelt geht – in diese wissenschaftliche Welt. Papier spielt dabei eine große Rolle, die Papiermützen, das Bücherwissen, die trockene Wissenschaft, zu der Johanna mit ihren Gefühlen, ihrem Herz im Gegensatz steht. Letztlich sind wir dazu gekommen, dass Johanna den Weg des Herzens beschreibt, während die Außenwelt der Weg des Papiers, der Vernunft, des Kopfes ist.
Stichwort Mützen: Der Text ist reich an Symbolen, etwa die Farben, Begriffe wie Schwert oder Schild, aber auch die Schandmützen aus Papier, die Verurteilten wie Jeanne d’Arc aufgesetzt wurden. Welche Rolle spielen die Symbole im Stück?
Mit der verwendeten Symbolik – das Schwert das Schild, der Kelch – gelangt man ganz tief in die abendländische Kultur: in die Symbolik der Gralslegende und damit ins Unterbewusstsein.
Im Ablauf des Stückes gibt es gewisse Parallelen zur Legende von Jeanne d’Arc – bis hin zur Prüfung der Hauptfigur, die dem Prozess gegen Johanna entspricht. Das Ende ist aber wieder sehr positiv, bestärkend …
Ja, am Ende treten die Schauspieler wie Märchenerzähler heraus und erzählen, der Himmel ist eine Puddingschüssel und so weiter. Der Kniff am Schluss ist – wie es auch im Roman steht –, dass die Schauspieler das Publikum als Kinder anreden und damit wieder auf eine Märchenebene gehen.
Am Anfang hatte ich die Befürchtung, dass das Stück zu akademisch wird. Aber das Verblüffende war, dass es eine unglaublich gefühlvolle und empfindsame Vorstellung wurde. Es ist ein sehr berührender Abend.
Das bedeutet ja auch, dass der Text gut für eine Dramatisierung, dafür, ihn zu Sprechen geeignet ist.
Felicitas Hoppe gibt in diesem Sinn viel vor, wo ich als Theatermensch nur jubilieren kann. So etwas wie mit den Papiermützen muss dir erst einmal einfallen!
In einem Gespräch, das in einem literaturwissenschaftlichen Buch über Felicitas erschienen ist, sagt sie auch, dass „Johanna“ ein dialogisches Buch ist, und beschwört die gesprochene Sprache. Wir setzen das jetzt halt um. Das größte Kompliment für die Autorin ist aber vielleicht, dass die Schauspieler bei der Erarbeitung sagen, der Text wird, je mehr sie sich damit befassen, immer besser, immer schöner, immer klüger.
… und in der Darstellung wohl auch direkter erlebbar als im Roman?
Ja. In einem anderen Interview rund um den Georg-Büchner-Preis hat Felicitas Hoppe gesagt, sie beneidet die performativen Künste, weil diese den spontanen, den Herzensapplaus bekommen, während die Schriftsteller „nur“ den intellektuellen Applaus bekommen. Wir hoffen, dass wir ihr mit „Johanna“ den Herzensapplaus nachreichen können.

Vielen Dank für das Gespräch.

„Johanna” nach Felicitas Hoppe
Dramatisierung/Regie: Elmar Drexel
mit: Angelica Ladurner, Günther Lieder, Hanno Winder

Innsbrucker Kellertheater
Adolf-Pichler-Platz 8
6020 Innsbruck
Tel. +43.512.580743
reservierung@kellertheater.at
www.kellertheater.at

Termine: 24., 26., 29., 30. Januar 2103 sowie von 01. Februar bis 02. März 2013  jeweils Dienstag bis Samstag.
Beginn: 20:00 Uhr

TIPP: LESUNG MITFELICITAS HOPPE18. FEBRUAR 2013, 20:00 UhrINNSBRUCKER KELLERTHEATER
Bilder
Kontakt:
Innsbrucker Kellertheater
Adolf-Pichler-Platz 8
6020 — Innsbruck

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Daten und Fakten:
Region
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