"Die Alpenwanderer" von Stefan König

Es gibt Passionen, die nach Büchern schreien. Stefan König ist diesem Ruf gefolgt und hat etwas spannend Unterhaltsames abgeliefert.

Wandern klingt nach Beschaulichkeit; nach epischem Dahinschlendern, dem fast etwas Altertümliches anhaftet - und wohl deshalb im hektischen Trend liegt. Gehen, nicht fahren. Stehenbleiben, nicht hetzen. Wandern als Entschleunigungstherapie: unsere Altvorderen wussten`s besser - so meint zumindest der unbelehrte Gebirgsromantiker. Denn... ...was hält man von jemanden, der den ersten Tag seiner Reise mit 70 Kilometer Fußmarsch und 1800 Höhenmeter beginnt; die 120 Kilometer zwischen Bern und Zürich ohne Übernachtung am Stück zurücklegt; Bergpfade quasi als Aschenbahnen benutzt, um die schönsten Mal- und Zeichenmotive aufzusuchen und damit das "Gebirgspanorama" zu erfinden? Der Mann hieß Hans Conrad Escher von der Linth, lebte von 1767 bis 1823 und ist heute weithin unbekannt. Ebenso wie Johann Gottfried Seume, der sich 1801 zu seinem, wie er es nannte, "Spaziergang" aufmachte, der ihn von Leipzig nach Sizilien und zurück führte. Dabei traversierte er leichthin auch die Alpen. Auf einen weiteren "Irren" seiner Zeit kann man dagegen sogar heute noch gelegentlich treffen, weil er haltbare Spuren hinterlassen hat. Manisch oder nicht, Joseph Kyselak führte auf seiner "Fußreise durch Österreich" (1825) verlässlich Pinsel und Farbe mit sich, um auf den entlegensten Stellen und Wänden seinen Namen zu hinterlassen, eben Kyselak. Das hat ihn ein bißchen berühmt gemacht und einen Eintrag im "Graffiti-Lexikon" als Vater der modernen "Tags" gebracht - es hätt` ihn sicher sehr gefreut.

Es sind Geschichten wie die diese, die das Buch "Die Alpenwanderer. Forscher, Schwärmer, Visionäre. Große Fußreisen durch das Gebirge. Eine Wiederentdeckung" von Stefan König so unterhaltsam macht. Man lernt unter anderem, dass man unseren Wandervorfahren nicht leichthin ein sentimental-romantisches Motiv für ihre Abenteuer unterjubeln darf, sondern dass diese unter anderem auch auf handfestes Geldverdienen aus gewesen sind. Dass sie also die Fußreise gewählt haben, weil sie ihnen zum Beispiel die Vorlagen für ihre Geschichten lieferte, auf die Verleger und Publikum warteten (wie Ludwig Steub, Heinrich Noe). Andere dagegen hofften eher auf eine religiöse Erweckung (wie Karl Wilhelm Diefenbach) oder wollten ein Ohr haben auf die sensible Waldökologie (wie Karl A. Kasthofer). Wie dem auch immer sei - was sie allesamt einte, war die Faszination der Gebirgslandschaft auf der einen und die körperliche Betätigung auf der anderen Seite. Von diesen oft wunderlichen Gestalten aus einer vor- und frühtouristischen Vergangenheit erzählt Stefan König in einem sorgsam ausgestatteten Buch mit qualitätvollen Bildern. Stefan König: Die Alpenwanderer. Forscher, Schwärmer, Visionäre. Innsbruck, Wien 2009 (Tyrolia)