Der Palmlattenwettstreit in Imst

Je länger, je lieber! Dieses Motto wird alljährlich am Palmsonntag in der Oberinntaler Gemeinde spannend-eindrucksvoll zelebriert.

"Am Tage drauf hörte die Volksmenge, Jesus komme nach Jerusalem. Da nahmen sie Palmzweige und zogen hinaus, um ihn zu empfangen." So nachzulesen bei Johannes 12, 12-13, und so weit auch der religiöse Hintergrund für einen Brauch, der seit Jahrhunderten ausgeübt wird: das kunstvolle Binden von "Palmzweigen" zu Buschen oder Latten. Natürlich waren und sind es in unseren Breiten weniger Palm- oder Ölzweige, als vielmehr geschmückte Weidenruten, die dafür verwendet werden. Der Sinn aber ist der gleiche. Und so sieht man also am Palmsonntag landauf-, landab die prächtigsten "Gestecke", mit welchen man freudig wedelnd die Ankunft der Herrn szenisch nachempfindet. Wann sich das brauchtümliche Lager in Palmbuschen- und Palmlattenträger aufgespalten hat, ist historisch nicht mehr zu eruieren. Die Imster jedenfalls schlugen sich auf die Seite der zweiteren. Zeitlich ebenfalls nicht mehr zu eruieren, seit Mitte des 19. Jahrhunderts aber für das Tiroler Oberland dokumentierbar, ist der Ursprung des Wettkampfs um die längste Latte. Psychologisch mag er aber im stets rivalisierenden Wesen der Männer zu suchen sein - denn sie allein sind die Träger von Wettkampf-Brauch und Latte.

Der Imster Rekord, und das wird vermutlich auch Weltrekord sein, liegt bei enormen 36 Metern - erreicht im Jahre 2004. Aber das ist noch nichts gegen Länge jener im wahrsten Sinne sagenhaften Latte, welche "seinerzeit" von der Pfarrkirche bis hinauf zur Pestkapelle am "Bergl" gereicht haben soll. Geschätzte Luftlinie: 100 Meter. Davon ist man noch weit entfernt - und folgt man gemeindeinternen Bestrebungen, dem "Palmlattenwahnsinn" aus Sicherheitsgründen einen Riegel vorzuschieben, dann wird daraus auch nichts mehr werden. Wer allerdings die Sturheit der Oberländer kennt, der wird sich um den schönen Brauch auch in Zukunft keine Sorgen machen. Gestartet wird der Umzug bei der Pfarrkirche nach der Hl. Messe, dann geht es hinauf aufs "Bergl" zur Pestkapelle und anschließend wieder retour. An allen drei Orten müssen die Latten aufgestellt werden - eine Prozedur, zu der bis zu fünfzehn Männer notwendig sind. Gemessen wird erst zum Schluß, das heißt, die Latten müssen den Transport und das dreimalige Aufstellen erst einmal überleben! Was bei Gott nicht immer der Fall ist. Den Siegern winken dagegen neben der Ehre Bier und Brezen - wie´s seit alters der Brauch ist. Wer ihn noch nicht kennt, sollte am Palmsonntag unbedingt nach Imst pilgern (Hl. Messe um 8.00 Uhr in der Pfarrkirche) - der dortige "Einzug nach Jerusalem" ist auch etwas für ganz profane Geister!