Tiroler Almen - ein prächtiges Lehrstück

Nicht nur für Gäste sind Tirol und Almen eins. Auch die Einheimischen beziehen aus ihnen ein Stück landestypischer Identität.

Wunderschön, grün-saftig und unterhaltsam mit schellenschlagendem Vieh bestückt – so „kennen“ wir sie, die alpinen Regionen über der Waldgrenze. Was allerdings für den Wanderer und selbst für den durchreisenden Autofahrer unten im Tal einem romantischen Prospekt gleicht, entstand seinerzeit keineswegs aus ästhetischen Gründen, sondern aus purer Not: Erweiterung der Futterplätze für das Vieh lautete die Devise. Und diese war wiederum notwendig, um der Nahrungsmittelnachfrage einer stetig wachsenden Bevölkerung zu begegnen. Nichts also mit Romantik, sondern profane Antwort auf ein Problem. Almen rücken uns heute allerdings nur noch als alpines Arkadien ins Gesichtsfeld; sie sind Gegenstand von Wanderführern, Tourenbüchern, Fotobänden und letztlich Filmkulisse. Ein abgelutschtes Sujet. Brauchen wir also schon wieder ein neues Buch darüber? Die Antwort lautet ganz klar: ja – wenn es sich um ein so gekonnt gemachtes handelt, wie jenes von Eva Lechner (Text) und Reinhard Hölzl (Bilder).

Dreiundvierzig Almen stehen im Zentrum. Sie werden uns vorgeführt wie gute alte Bekannte der Autorin: mit ihren Geschichten, kleinen Macken, den besonderen Charaktereigenschaften und mit den Menschen und Tieren, mit denen sie eine intensive, manchmal spröde Beziehung pflegen. Mit einem Wort: Man merkt buchstäblich auf Schritt und Tritt, dass die Autorin „dort“ war; und dass sie die geschilderten Almen nicht als abstrakte Gegenstände, sondern als lebendige Wesen erlebt hat. Das macht den Charme der Texte aus. Der zweite Teil des Buches ist der „Theorie“ gewidmet: Der Geschichte, den Gerätschaften, den Rechten, dem Brauchtum und vielem mehr. Wer erfahren möchte, was Alm umfänglich bedeutet, der ist mit diesem Teil bestens bedient. Und auch hier wieder – die fundierten Texte sind unterhaltsam lesbar und damit auch für Einsteiger bestens geeignet. In Summe also können wir dieses auch ausstattungsmäßig hervorragend gemachte Buch bedingungslos weiter empfehlen. Mit einer kleinen Einschränkung: Die knapp zwei Kilo Gewicht eignen sich nicht für den Rucksack, sondern ausschließlich für die warme Studierstube.