Besuch aus Israel

Innsbruck/Literatur

Erich Weinrebs Leben beginnt 1928 in Innsbruck, die Stadt in der er aufwuchs und aus der er 1938 noch rechtzeitig fliehen konnte. Als Abraham Gafni kehrt er immer wieder an den Ort seiner Kindheit und in die Wohnung, in der er aufgewachsen ist, zurück. Ein im Studienverlag erschienenes Buch (Frühsommer 2014) erzählt die Geschichte eines verstoßenen Stadt-Bewohners.

Erich Weinreb wuchs in der Defreggerstraße 12 auf. "In meiner Kindheit hat Pradl wie ein Dorf ausgesehen, überall waren Grünflächen" berichtet der 86 Jährige in dem Buch "Von Innsbruck nach Israel" von Horst Schreiber und Irmgard Bibermann. Auf Erichs Kindheit im Innsbruck der 30iger Jahre lasteten vorerst keine düsteren Schatten. Doch dann nahmen die Dinge ihren schnellen Lauf: auf einmal bauschte sich aus jedem Fenster die unsägliche Hakenkreuzfahne, die Lehrer wurden ausgetauscht, nannten ihn plötzlich "Saujuden" und schlugen ihn. Die Reichskristallnacht als Zäsur. Damals bestand schon der Plan nach Südamerika auszuwandern. Im Dezember 1938 erfolgte die Abschiebung nach Wien. Erich und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Poldi traten alleine die Reise im Zug an. Unvergesslich die Worte der Großmutter, die die beiden Buben zum Bahnhof begleitete: "Schaut gut auf Innsbruck, wer weiß, ob ihr das noch einmal sehen werdet!". Erich und Poldi retteten sich nach Palästina, die Großeltern, die kleine Schwester Gitta und zahlreiche weitere Verwandte kamen in nationalsozialistischen Lagern ums Leben.

Im Jahr 1958 zog in die Wohnung der Weinrebs im 1. Stock des Hauses in der Defreggerstraße Familie Kühbacher ein. Trude Kühbacher wohnt heute noch dort. Sie erinnert sich an einen Sonntag im Jahr 1993. Es läutete an der Türe. Zwei Herren ersuchten sie, sich die Wohnung ansehen zu dürfen, es wäre die Stätte ihrer Kindheit gewesen. Einer der beiden war Erich Weinreb, nunmehr Abraham Gafni. Aus der Wohnungsbesichtigung wurde ein ausgedehntes Abendessen, dabei in Erinnerungen geschwelgt und so manche Anekdote erzählt. "Das Ganze war ein Mix aus Herzlichkeit und Traurigkeit - zu keiner Zeit war Hass zu spüren" erinnert sich Trude Kühbacher. So entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen den Familien Gafni und Kühbacher. Alle Jahre im September reist Erich mit Familie an und verbringt zwei Wochen in Tirol, dazwischen wird wöchentlich telefoniert.

Das Buch "Von Innsbruck nach Israel" gibt einen Einblick in das Innsbruck der 1930er Jahre, berichtet von Schönem und Abstoßendem, von Flucht und Freiheit, vom Aufbau des Staates Israel, vom Weiterleben nach dem Holocaust und von den Gefühlen eines Juden zur heutigen Tiroler Realität. Ein historischer Essay über die Entwicklung jüdischen Lebens in Tirol seit dem 19. Jh. sowie einleitende Informationstexte zu Abraham Gafnis Erzählungen verdeutlichen die Wechselwirkungen zwischen Individuum und übergeordneter Struktur.

Info: Horst Schreiber, Irmgard Bibermann: "Von Innsbruck nach Israel. Der Lebensweg von Erich Weinreb/Abraham Gafni". Studienverlag, 2014, 256 S.

www.studienverlag.at

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Daten und Fakten:
Region
Innsbruck
Ort
Innsbruck