„Kirschl hat Pionierarbeit geleistet“

Ausstellung, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 12.5.–16.11.2017

Carl Moser, Bretonisches Kind, um 1904, aus der Sammlunf Wilfried Kirschl

Wilfried Kirschl (1930–2010) war eine der zentralen Persönlichkeiten in der Kulturlandschaft Tirols im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert – nicht zuletzt weil er eine umfangreiche Sammlung an zeitgenössischer Tiroler Kunst anlegte. Diese bildet die Grundlage für die Ausstellung „Mit dem Auge des Künstlers“ von 12. Mai bis 16. November 2017 im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum.

2012 erwarben Land Tirol und Landesgedächtnisstiftung die Kunstsammlung, die der Künstler Wilfried Kirschl im Lauf von vier Jahrzehnten zusammengetragen hatte. Nach Jahren des Forschens und Katalogisierens ist die 350 Werke umfassende Sammlung nun bereit, der Öffentlichkeit gezeigt zu werden. Dazu stellten Günther Dankl, Kustos der Kunstgeschichtlichen Sammlungen ab 1900 und der Grafischen Sammlungen der Tiroler Landesmuseen, der Kunsthistoriker Carl Kraus und die Kuratorin Isabel Pedevilla die Ausstellung „Mit dem Auge des Künstlers. Die Sammlung Kirschl“ zusammen, die Einblick in die umfassende Auseinandersetzung des Malers, Sammlers, Ausstellungsmachers und Publizisten mit Kunst gibt. Im Gespräch erläutert Dankl die bedeutende Rolle Kirschls für das Tiroler Kunstleben und gibt Einblick in die notwendigen umfangreichen Vorarbeiten.

Wilfried Kirschl war nicht nur Maler, sondern auch Sammler und Forscher. Warum war er für die Tiroler Kunstlandschaft so wichtig?
Günther Dankl: Er war einer der ganz wenigen, die sowohl künstlerisch als auch kunsthistorisch und kulturpolitisch tätig waren. Er war im Vorstand der Tiroler Künstlerschaft und Gründungsmitglied der Galerie im Taxispalais, hat für beide zahlreiche Ausstellungen gemacht. Er war im Kunstbeirat des Tiroler Landesmuseums, hat sich immer sehr intensiv eingesetzt für ein Museum der Moderne, hat publiziert, war selbst künstlerisch tätig und hat Kunst gesammelt.

Als Sammler und Autor galt sein erstes Interesse der Kunst der Zwischenkriegszeit in Tirol. Inwiefern konnte er dazu entscheidende Anstöße geben?
Er fand, dass diese Zeit wenig aufgearbeitet war und hat schon früh Ausstellungen von Artur Nikodem und anderen Künstlern gemacht. Ein Höhepunkt war 1973 die Ausstellung „Malerei und Graphik in Tirol 1900–1940“, zu der er im Vorfeld viel recherchiert hat, zum Beispiel bei Verwandten von Künstlern und im Nachlass. Damals hat er Arbeiten gezeigt, die nicht so bekannt waren: die Skizzen und unfertigen Bilder, die einen Künstler oft direkter wiedergeben als die großen Werke.
Mit Albin Egger-Lienz hatte er sich schon davor beschäftigt, war in Kontakt mit Ila Egger-Lienz, der Tochter des Künstlers, und hat beispielweise anhand der Briefe des Künstlers versucht, das Werk nachzuvollziehen. 1977 hat er die große Monographie von Egger-Lienz veröffentlicht. Kirschl hat damit Pionierarbeit geleistet und Egger-Lienz, der vorher immer als Tiroler Künstler rezipiert wurde, in der österreichischen Kunst verankert. Er hat damit auch dazu beigetragen, dass Egger-Lienz vermehrt gesammelt wurde.

Gilt das auch für andere Künstler?
Ja, vor allem Carl Moser, den Kirschl auch erst durch die Beschäftigung mit der Ausstellung „Malerei und Graphik in Tirol 1900–1940“ entdeckt hat. Er hat ihn in den Jugendstil, in den europäischen Holzschnitt mit eingebunden und auch zu ihm eine große Monographie veröffentlicht.

Auch in Kirschls Sammlung, die nun aufgearbeitet wurde und im Tiroler Landesmuseum präsentiert wird, sind Egger-Lienz und Carl Moser stark vertreten. Wie ist sie insgesamt strukturiert?
Es gibt vier Sammlungsschwerpunkte: Neben Carl Moser mit circa siebzig Werken und Egger-Lienz mit circa dreißig enthält sie noch weitere Positionen aus der der Zeit von 1900 bis 1940 – von Max von Esterle und Artur Nikodem quer durch die Tiroler Kunstgeschichte. Aus der Kunst nach 1945 hat er vor allem Werke seiner Freunde gesammelt: Norbert Drexel, Peter Prandstetter, Gerhild Diesner.

Wie ist die Sammlung ans Ferdinandeum gekommen?
Kirschl hatte den Wunsch, dass die Sammlung zusammenbleiben sollte, und hat mit mehreren Museen und Sammlern gesprochen. Letztendlich wurde sie über das Land Tirol und die Landesgedächtnisstiftung angekauft. Es war das Verdienst der Erben, dass sie sie nicht aufgeteilt, sondern geschlossen erhalten haben.

Was bedeutet es für ein Haus wie das Tiroler Landesmuseum, eine Sammlung mit rund 350 Werken zu erhalten?
Wir sind glücklich, weil sehr viele Lücken gefüllt werden, da können wir wirklich aus dem Vollen schöpfen. In der Zwischenkriegszeit hatte das Museum wenig Geld, daher wurde wenig gekauft, später waren viele Werke nicht mehr erhältlich. Wir freuen uns, dass unsere Sammlung um so viele Werke von Carl Moser und Egger-Lienz erweitert wurde. Es gibt auch Werke von Künstlern wie Erich Lechleitner, von denen wir bisher überhaupt nichts in der Sammlung hatten.

Wird ein Teil dieser Bilder in die ständige Sammlung übernommen?
Im Moment ist die Art Box, wo die Kunst von 1900 bis 1960 gezeigt wird, geschlossen, aber bei der nächsten Neuaufstellung werden sicher einige Werke aus der Kirschl-Sammlung einfließen.

Wie geht man bei der Aufarbeitung vor?
Es ist nicht nur so, dass man sagt: Hurra, jetzt haben wir einen großen Stock an 350 Werken! Denn dann beginnt erst einmal die Knochenarbeit. Die Werke werden katalogisiert, fotografiert, abgemessen, die Technik wird bestimmt und so weiter. Wir erstellen einen Katalog mit 350 Seiten, wobei auf achtzig bis hundert davon zu jedem Werk dargestellt wird: Wann hat er es gekauft? In welcher Ausstellung war es? Wo ist es gezeigt worden? Dazu müssen wir viel herumfragen.

Ein Teil der Werke wird ab Mai im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum gezeigt. Wie ist die Ausstellung gegliedert?
Wir haben ungefähr 150 Werke ausgewählt und zeigen sie aufgeteilt auf fünf Kapitel: der Künstler als Theoretiker, Egger-Lienz, Carl Moser, die Kunst vor 1940 und die Künstlerfreunde nach 1945.

Kirschl wird in der Ausstellung auch mit eigenen Werken vertreten sein. Wie groß ist sein Œuvre?
Es werden sicher ein paar hundert Werke sein. Einige davon sind im Belvedere und in der Sammlung Leopold, aber die meisten befinden sich in Privatbesitz im ganzen Land und in Südtirol. Carl Kraus und ein Neffe Kirschls erstellen derzeit einen Bestandskatalog, das ist sehr mühsam. Kirschl selbst hat nur wenig aufgezeichnet und viele Galeristen, die man hätte fragen können, gibt es gar nicht mehr.

Welche seiner Werke werden im Rahmen von „Mit dem Auge des Künstlers“ gezeigt?
Die Ausstellung beginnt und endet mit Werken von Kirschl. Es geht zuerst um seine Herkunft und seine Auseinandersetzung mit der französischen Kunst und endet mit seinen Stillleben und Lichtbildern. Wir zeigen einige sehr schöne Frühwerke aus Frankreich und England, dann jene, die er in Griechenland gemalt hat, sowie zwei sehr schöne Stillleben und ein paar Zeichnungen. Wir – Carl Kraus, Isabel Pedevilla und ich – haben hier auch einige unserer Lieblingswerke ausgewählt.

Vielen Dank für das Gespräch.

INFO
Mit dem Auge des Künstlers. Die Sammlung Kirschl
12. Mai bis 16. November 2017
geöffnet Di–So 9–17 h
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Museumstraße 15
6020 Innsbruck
Tel. 0512/59489
info@tiroler-landesmuseen.at
www.tiroler-landesmuseen.at